Ingo Wegerl betritt mit seinem Berlin-Zyklus einen neuen Weg in seinem ohnehin stets vielseitigen künstlerischen Schaffen.
In seiner charakteristischen, subjektiv sensibilisierten Sichtweise thematisiert er einen Blick zurück in die Vergangenheit,
auf ein schreckensreiches Kernstück deutscher Geschichte, das seine Schatten bis in unsere heutige Gesellschaft wirft.
Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus, dessen menschenverachtenden und -vernichtenden Auswirkungen sowie
dessen immer noch schwelende Präsenz in unserer Demokratie des 21. Jahrhunderts sind Thema dieses sieben großformatige Werke (je 100 x 100 cm) umfassenden Zyklus.
Bei seiner Arbeit begleitete Ingo Wegerl ein oft zitierter Satz: "Je größer die Lüge, umso mehr folgen ihr." Das aus
heutiger Sicht schier Unfassbare, die zerstörerische Kraft jener einst von Massen umjubelten Diktatur steht am Beginn
dieser komplexen Bildserie.
Ein salutierender Hitlerjunge tritt dem Betrachter düster dreinschauend gegenüber. Darüber, in luftigem Abstand spannt
sich eine partiell bedruckte Transparentfolie über die Bildfläche. Sie lässt im Zentrum, den Hitlerjungen überschattend,
einen Gefangenen erkennen: ein Kind in weitem Mantel, die Arme sich ergebend erhoben. Es ist eine durchaus ambivalente
Darstellungsweise, die für die unzähligen Opfer des nationalsozialistischen Systems steht. Wegerl bezieht hier ohne
Verkennung des Aggressors die blinde Schar der Mitläufer, jene militant abgerichteten Jugendlichen mit ein, die selbst
im Niedergang in einen Sinn entbehrenden, aussichtslosen Kampf geschickt wurden, in dem die meisten ihr Leben ließen.
Wie verblendet schieben sich die Massen im euphorischen Aufmarsch des zweiten Bildes voran. Die Folie kristallisiert die
zum Hitlergruß erhobene Hand eines jeden einzeln heraus. Denn nur durch die Mobilisierung der Menge konnte das
zerstörerische Werk, die Vernichtung einer gesamten Bevölkerungsgruppe sowie die Verwüstung unzähliger Städte und
Lebensräume betrieben werden. Die Reichshauptstadt Berlin in Trümmern, Thema des dritten Bildes, dokumentiert hier
symptomatisch die Folgenschwere der Destruktion. Seitenverkehrt aufgetragen lässt das Trümmerbild der darüber liegenden
Folie die Ruinenlandschaft nahezu dreidimensional in die Tiefe gehen, hinein in die schwarzen Höhlen ausgebrannter Häuser.
Die Skelettserie des vierten Bildes, schwarz-weiß auf abgenutztem, sich den Auflösungserscheinungen der Zeit scheinbar
widersetzendem Papier, bildet mit den blau gefärbten, entgegen gesetzten Knochengestalten der Folie eine unendliche Reihung.
Eine Reihung ohne Anfang, ohne Ende, eine Reihung des Todes, der jeglicher Individualität und Würde entbehrt. Einen bewegenden
Eindruck von der Darstellungskraft des Berliner Holocaust-Mahnmals für die ermordeten europäischen Juden in Deutschland gibt
Wegerl im fünften Bild wieder. Unter einem foliierten Schleier voller Blüten ragt aus violettem, ornamental aufgerauhtem
Bildgrund das großflächige Stelenfeld hervor. Für Ingo Wegerl bleibt in diesem Denkmal insbesondere das Wissen um die
Möglichkeiten menschlicher Grausamkeit präsent. Er bezieht die heute noch national latenten Strömungen ebenso wie die global
übergreifenden Völkerrechtsverletzungen in seine Überlegungen mit ein.
Der Berliner Reichstag mit seiner futuristisch modernen Glaskuppel steht im sechsten Bild des Zyklus als Symbol für einen
Neuanfang, als Symbol heutigen Demokratieverständnisses. Die überlagernde Folie mit der seitenverkehrten Umkehrung dieses
imposanten Baus des ausgehenden 19. Jahrhunderts schafft eine in die Tiefe gehende Distanz, die Freiraum in sich birgt. Eine
betroffen, nachdenklich dreinblickende Menschengruppe schaut im abschließenden Bild über den gesamten Zyklus zurück auf jene
geschichtlich einschneidende, umbruchsträchtige Entwicklung. Das darüber liegende Gitternetz, für Wegerl Synonym für die
Gefangenschaft der Gedanken, ist durchlässig, zum Aufsprengen gespannt. Es ist Aufforderung, befreit den Blick zu öffnen, die
eigene Verantwortung zu spüren, die derartig zerstörerische Agitationen zu verhindern sucht, überall, im Heute und im Morgen.
Als Michelangelo 1508 von Papst Julius II. den Auftrag für die Ausmalung des Deckengewölbes der Sixtinischen Kapelle in Rom erhielt,
versuchte der 33-jährige vergebens, sich dieser Verpflichtung zu entziehen. Zum Bildhauer berufen, fühlte er sich für diesen Auftrag
nicht befähigt, ohnehin besaß er zu jener Zeit noch keinerlei Interesse, sich in der Freskomalerei zu versuchen. So empfahl er, statt
seiner Raffael zu verpflichten, doch schien Michelangelos Weigerung Papst Julius II. nur noch mehr in seiner Beharrlichkeit zu
bestärken. Es gab kein Entrinnen mehr; nachdem das ursprüngliche Bildprogramm, die Darstellung der 12 Apostel und ornamentale
Dekorationen umfassend, aufgegeben worden war, machte sich Michelangelo daran, seine nunmehr über 300 Figuren umfassende
Gesamtkomposition an die 40 x 13,5 m große Decke zu bannen. 1512, nach, wie berichtet wird, nur 20-monatiger reiner Arbeitsdauer,
war eines der genialsten Deckengemälde vollendet.
Mit bemerkenswerter Disziplin war es Michelangelo gelungen, einem mit anfänglicher Aversion begonnenen Werk seinen schöpferischen
Impetus einzuhauchen. In kolossaler Monumentalität sieht sich der Betrachter mit Szenen der Schöpfungsgeschichte, mit Propheten,
Sibyllen, den Ahnen Christi und Szenen aus dem Alten Testament konfrontiert; beispiellos die kompositionelle Phantasie, die Dynamik
der Figuren und des erzählerischen Aufbaus. Dem Bildhauer Michelangelo war es gelungen, sein ureigenes Metier in die illusionistische
Gestaltungsvielfalt der Freskomalerei auf phantastische Weise zu transponieren.
Die Faszination an Michelangelo begleitet den Künstler Ingo Wegerl seit frühester Jugend. Die universelle Befähigung Michelangelos, sich als Bildhauer, Maler und auch als Architekt derart individualistisch, kraftvoll und künstlerisch begnadet auszudrücken, war von jeher eines der Leitbilder und stete Inspirationsquelle Wegerls. Die Formensprache, die Bewegungs- und vor allem die Ausdrucksformen des menschlichen Körpers, die Michelangelo plastisch oder auch in scheinbarer Nivellierung malerisch zu erzielen vermochte, faszinieren Ingo Wegerl immer wieder aufs Neue. Beeindruckend für ihn insbesondere das monumentale Deckenfresko der Sixtina, das mit einem hohen Maß an Disziplin unter erschwerten Bedingungen entstand, unter dem anfänglichen Widerwillen, unter zeitlichem Druck und - wie es zunächst schien - ohne ausreichende Erfahrungen in diesem Metier, - unter Bedingungen also, wie sie dem zeitgenössischen Künstler, der die absolute Freiheit der Kunst postuliert, wohl nur selten noch begegnen, und die insbesondere auch sein handwerkliches Können bis zum Äußersten forderten. - Um so grandioser empfindet Ingo Wegerl die Ganzheit von Komposition und Ausführung, um so beeindruckender empfindet er das künstlerisch komplexe Bildprogramm der Sixtinischen Kapelle.
Es verwundert daher kaum, daß Ingo Wegerl in seiner Jugendzeit, die sonntägliche Messe im Mönchengladbacher Münster von der Orgelempore her verfolgend, bei der Betrachtung des Chorraums in Gedanken immer wieder das Bild von Michelangelos einmaligem Deckengemälde heraufbeschwor. Der Wunsch keimte, für eben diesen Chorraum eine eigene Interpretation von Michelangelos monumentalem Bildentwurf zu schaffen. - Und tatsächlich sollte sich nach vielen Jahren dieser Wunsch für ihn erfüllen, sollte Ingo Wegerl endlich Gelegenheit erhalten, seine Hommage à Michelangelo für den Mönchengladbacher Münsterchor zu gestalten.
Es ist zweifellos ein gewagtes Unterfangen, sich in Anlehnung an Michelangelo mit einem derart genialen Werk künstlerisch auseinanderzusetzen. Skeptiker behaupten zu Recht, daß eine künstlerische Steigerung ohnehin unmöglich sei, vor allem aber besteht die Gefahr, zum bloßen Kopisten zu degradieren. Doch ist es keinesfalls die Intention von Ingo Wegerl, sich künstlerisch an Michelangelo messen zu wollen, ihm geht es vielmehr um die Möglichkeiten der zeitgenössischen Interpretation. Dabei sucht er keine Neuauffassung zu erzwingen, sondern strebt vielmehr eine besondere Form der Translation an.
Auf einem 5 x 5 m großen Tafelbild, das sich dem Betrachter in der Weite des Chorraums präsentiert, setzt Ingo Wegerl einzelne Segmente aus der monumentalen Gesamtkomposition Michelangelos zusammen. In vermeintlicher Willkür wählt er Motivfragmente aus der Schöpfungsgeschichte, aus den Darstellungen der Propheten, Sibyllen und verschiedener Jünglingspaare; es sind Ausschnitte aus dem ersten und dritten Tage der Schöpfung, der Erschaffung Adams, dem Sündenfall und der Vertreibung aus dem Paradies, sowie Teilansichten der Propheten Ezechiel, Jeremias und Jesaia, der Delphischen und Libyschen Sibyllen und verschiedener Jünglingsfiguren. So sind es weniger allein die 'spektakulären' Szenen, die Wegerl in seinem Werk zitiert, sondern nunmehr gewinnen auch die prophetischen 'Rahmenfiguren' an Dominanz.
In der ihm eigenen Charakteristik zerlegt Ingo Wegerl jedes der hier zitierten Bildsegmente in Teilstücke, um sie schließlich, willkürlich miteinander kombiniert, neu zusammenzufügen; lediglich die Fragmente der 'Erschaffung Adams' und des Antlitzes der Delphischen Sibylle bleiben in ihrer motivischen Ganzheit erhalten. - Mit diesem Aufbrechen der Gesamtkomposition, sowohl des monumentalen Gesamtentwurfs als auch der einzelnen Bildsegmente, ist jegliche formale und inhaltliche Ordnung verlassen. Chaotisch mutet zunächst die Vielfalt der Fragmente an, weshalb sich der Betrachter gezwungen sieht, den Blickwinkel zu wechseln und sich auf neue Betrachtungsweisen einzulassen. Insbesondere die szenische Folge der Schöpfungsgeschichte droht sich zu verlieren, die Harmonie der Schöpfung selbst droht sich in der Disharmonie des Zeitgeistes aufzulösen.
Doch trotz - oder vielmehr: wegen - der mannigfachen Stückelung der Bildelemente bleibt die kompositorische Einheit bewahrt und verschmelzen schließlich die Zitate Michelangelos mit der Bildtranslation Wegerls zu einem harmonisierenden Gesamtgefüge. Nicht zuletzt mittels der jeweils nahezu monochrom gehaltenen Gestaltung (nur selten sind die Segmente mehrfarbig) ist eine einende Strukturierung angestrebt. Vor allem die Körperhaftigkeit der Figuren gewinnt dadurch an zusätzlicher Plastizität, wobei vieles aber auf die bloße Form beschränkt bleibt. Es sind vielmehr die Physiognomien und die Gestik der Figuren, die Ingo Wegerl malerisch akzentuiert und die er sprechen läßt; in ihnen spiegeln sich eindrucksvoll die Facetten menschlichen Seins wider und an ihnen vermögen wir den eigentlichen Bedeutungsgehalt, die prophetische Kraft der Botschaft zu erfassen.
Nie zuvor hatte sich Ingo Wegerl so intensiv mit einer derart komplexen Arbeit Michelangelos auseinandergesetzt. So gelang es ihm im Studium auch der plastischen Werke und während des gesamten Arbeitsprozesses, sich der künstlerischen Komplexität Michelangelos gedanklich anzunähern und ihr in der ihm eigenen kreativen Eigenständigkeit künstlerisch nachzuspüren.
Ingo Wegerl konfrontiert mit seiner Interpretation der Sixtinischen Deckenmalerei Michelangelos. Sie zwingt uns zur Auseinandersetzung mit dem Werk in Zeit und Raum, sie regt an, die Antwort in sich zu suchen, und sie fordert auf, sich dem Wunder der Schöpfung aufs Neue zu öffnen.
Das uns Bekannte und die verfremdete Darstellung dieses Kreuzes soll uns nachdenklich stimmen und uns öffnen für das Andere, das Unbekannte. Dieses Kreuz vereint die Vertrautheit und das Fremde in sich. So ist dieses Kreuz ein Bindeglied zwischen westeuropäischer Kultur und der Kultur uns weniger oder nicht bekannten und damit unvertrauten Völkern oder Volksgruppen. Einzelne Fragmente des Glaubens ergeben ein verständliches Ganzes. Auch wenn wir glauben, so gibt es im Detail den Nichtglauben oder gar den Widerspruch. Und dennoch verbindet uns der Glaube insgesamt. So sehen wir auch in dieser Darstellung einzelne Fragmente, die widersprüchlich und ergänzend zugleich wirken, wie Christen in aller Welt in ihrer Vielfalt eine Einheit bilden.
Sechs Monate im Jahr lebt der Mönchengladbacher Künstler Ingo Wegerl in Casale Marrittimo in der Toscana. "Landschaft und Kultur dieser Gegend haben mir viel geschenkt. Deshalb wollte ich etwas zurückschenken", sagte Wegerl. Er malte für die unmittelbar an der Küste gelegene kleine Kirche ein Tafelbild "Madonna Stella Mare". Der Pfarrer jener Gemeinde war von dem Geschenk so begeistert, dass er das Madonnenbildnis in seine Pfarrkirche in Marina die Bibbona holte. Mit diesem Bild ist bis zum 5. April ein "Italienischer Werkkomplex" in der Krypta des Mönchengladbacher Münsters ausgestellt. Zwei Tafelbilder sind eine Auftragsarbeit für die Renaissancekirche von 1492 in Santa Maria della Pieta. Diese Kirche bildet den Hintergrund für die "Verkündigung", eine zarte berührende Szene. Im Gegensatz dazu eine Pieta, die alles Leid der Welt aus sich herauszuschreien scheint. Für eine weitere Kirche an der toskanischen Küste schuf Wegerl ein Kreuz im Stil der Gotik in der Toscana. An den verbreiterten vier Kreuzenden finden sich szenische Darstellungen aus dem Leben Jesu.
Durch seine Freunde Ursula und Prof. Gunter Konrad mit der Kultur der Asmat in Berührung gekommen, ließ sich Ingo Wegerl in seinem künstlerischen Schaffen auf einen ausdrucksstarken Exkurs in eine andere Welt ein. Es ist die Welt der Asmat, eines Naturvolkes, das im Südwesten Neuguineas, in Irian Jaya bis in die 50er Jahre hinein nahezu unbehelligt, in unverfälscht steinzeitlichen Verhältnissen lebte; - tief verwurzelt in einer traditions- und mythenreichen Kultur, einer Kultur von einstigen Kopfjägern und Kannibalen sowie einer Kultur von ausdrucksstarker Holzschnitzkunst. Insbesondere in jener Schnitzkunst vermögen die Asmat noch heute ihre kulturelle Tradition im Zuge der zivilisatorischen Weiterentwicklung zu bewahren und in einer künstlerisch zeitgenössischen Formensprache zu manifestieren.
Für Ingo Wegerl war es eine Herausforderung, sich dem komplexen Kulturkreis der Asmat künstlerisch zu öffnen. Es entstand eine konzeptuell angelegte Bildserie von insgesamt 33 Werken. Nahezu ausschließlich dem Porträt verpflichtet, variiert er Umfang und Format der einzelnen Bildgruppen. Die Formate reichen von 30 x 30 cm, über 80 x 160 cm bis hin zu 125 x 340 cm, dem einzigen Einzelstück der Serie. Reihungen ergeben sich in dichter linearer Folge oder in gruppierter Hängung, stets dem Gesamtkonzept unterliegend, das in sich eine gewisse Ruhe trägt. Mitunter kehrt das selbe Gesicht in verschiedenen Gruppen wieder, ohne dass wir es bewusst erkennen.
Es sind Gesichter einer anderen Welt, in denen Ingo Wegerl das geheimnisvoll Fesselnde jener Kultur, ihre Geschichte, ihre Vergangenheit und Gegenwart zu erfassen vermag. Gesichter, die unabhängig von ihrer typologischen Charakteristik von der Vita des Einzelnen sowie von der gemeinsamen Wurzel eines ganzen Volkes zeugen. Das Porträt, ohnehin ein bevorzugtes Genre in der Malerei Ingo Wegerls, erschließt ihm auch hier wieder die Möglichkeit, künstlerische Raffinesse mit dem Faszinosum des Exotischen zu vereinen.
Mit der Genese der Asmat unmittelbar einhergehend und heute noch von alt überlieferten Traditionen Zeugnis gebend, ist es vor allem die Festbemalung dieses Volkes, die hier die Physiognomien farbenprächtig verfremdet. Eine Farbenpracht, die nicht allein auf die Gesichtszüge beschränkt bleibt, sondern in die Ingo Wegerl den gesamten Bildraum eintauchen lässt. So wie die Farbigkeit eine Eigendynamik entwickelt, bleiben auch die Gesichter nicht in ihrem naturalistischen Abbild belassen. Ingo Wegerl vermag den Eindruck jener Verfremdung mit subtilen malerischen Mitteln noch zu steigern, insbesondere mit dimensionalen Verzerrungen, mit akzentuierter Schärfe sowie mit malerischem Sfumato, wodurch uns die Gesichter noch unmittelbarer, noch expressiver ansprechen.
Einer Konfrontation gleich, stehen wir dem großformatigen, überdimensionierten Porträtausschnitt eines jungen Asmat gegenüber. Dunkle Augen blicken uns ausdrucksstark hinter einer kunstvoll geschlungenen Ornamentik entgegen. Einer Ornamentik, die sich aus der farbigen, von Wegerl frei assoziierten Festbemalung des Gesichts verselbständigt, zu einem filigranen Gitterwerk ausdehnt. Lediglich das kleinformatige, renaissancehaft anmutende Porträt eines Missionars sowie das schlichte Kreuzsymbol durchbrechen hier die Gesamtkomposition. Neben der Ornamentik, die sich über die gesamte Bildfläche spannt, sind es gerade jene, nur unscheinbar ins Auge fallenden Bildmotive, die die Wurzeln unserer eigenen Genese, unseres abendländischen Kulturverständnisses verdeutlichen. In der eigenen Vorstellungskraft oftmals zu sehr befangen, kann es schwer fallen, sich der Welt jenseits des vertrauten Kulturkreises zu öffnen, die Geschichte, Ideologie sowie die Wertigkeiten anderer Völker zu erfassen und zu respektieren. Zu rasch lassen wir uns von eigenen Maximen leiten, zu rasch droht uns der rechte Blick verloren zu gehen, der Blick für das Einmalige eines anderen Volkes mit seiner Kultur und der darin geborgenen Kunst.
Ingo Wegerl ist es in seinen Porträts gelungen, den Blick zu öffnen. In zahlreichen Bildfolgen führt er uns die Gesichter einer anderen Welt, der Welt der Asmat vor Augen. In kleineren, gleichformatigen Gruppen zusammengefasst, durchbricht jedes einzelne Gesicht in seiner Expressivität das Prinzip des monotonen Gleichmaßes. Von der klassischen Porträtmalerei losgelöst, sind die Porträts hier angeschnitten, fast ausschnitthaft und in diversen Ansichten variiert, viel unmittelbarer in ihrer Begegnung.
Zahlreiche Arbeitsgänge liegen jedem einzelnen Bild zugrunde. Zuerst mit Acryl, dann mit Tempera arbeitend, wird das Bild wiederholt zurückgeschliffen, verwischt und übermalt, woraus sich Bildstrukturen und malerische Plastizität entwickeln. Konturen, Bildsegmente und Bildtiefen werden herausgearbeitet oder aber in der Fläche aufgelöst. Dominierend bleibt die oftmals monochrom gehaltene Farbigkeit. Kontrastreich dazu hebt sich die vereinzelte, partielle Verwendung des Blattgoldes ab; - eines Blattgoldes, das aus diesem Kontext heraus, im Sinne ältester christlicher Bildtraditionen, durchaus als kultureller Antagonismus verstanden werden darf.
Basierend auf seinen Arbeiten im Atelier beschreitet Ingo Wegerl weitere, ganz neue künstlerische Gestaltungswege, an deren Entwicklung er das Publikum nunmehr unmittelbar teilhaben lässt. In seinen Performances schafft er die Möglichkeit, künstlerischen Metamorphosen in ihrer einmaligen Gestaltungsfolge beizuwohnen. Dabei beschreibt seine Malerei auch hier Anfang und Ende eines ausdrucksstarken, spannungsreichen Exkurses, in dessen Verlauf sich Inhalt und Form zunächst verlieren, um sich im Verborgenen, zuerst nicht Sichtbaren für den Betrachter neu erschließen zu können. Mit Schwamm und Tuch bearbeitet Ingo Wegerl sein Gemälde, verwischt einzelne Partien, streift allmählich sämtliche Bildelemente der Temperamalerei ab und löst sie nahezu gänzlich auf. Dabei kommen, zunächst nur partiell, darunter liegende Farbsegmente zum Vorschein, die sich nur langsam, sukzessive zu einer Gesamtkomposition zusammensetzen, - ein neues, bis dahin verborgenes Gemälde erwächst vor unseren Augen. Es ist ein langsamer Prozeß, in dem sich die Metamorphose nur allmählich, zunächst scheinbar zusammenhangslos entwickelt.
In seinen Performances beschreibt Ingo Wegerl Geschichten, die sich erst durch das Wegwischen des Dagewesenen herauskristallisieren. Dabei entstehen immer wieder überraschend neue Zwischenräume, malerische und inhaltliche, die unzählige Assoziationen freizusetzen vermögen und die einen dazu drängen, das zunächst Fragmentarische des Bildgrundes in seinem Ganzen zu erschließen. Unsere Suche nach dem Verborgenen sowie nach dem Vollkommenen bleibt auch hier vorherrschend, - umso verblüffender der vermeintlich destruktive Weg dorthin: das Verlieren und Zerstören der Konturen und Formen, die Schaffung eines Chaos, aus dem das Neue dann doch schließlich harmonisierend zusammenwächst. Wie in seiner Malerei ist auch hier der Mensch bevorzugtes Bildmotiv von Ingo Wegerl; in seiner bildlichen Metamorphose spiegelt sich somit auch die Zerrissenheit des Individuums, die Veränderung des Menschen, vielleicht auch der Gesellschaft ausdrucksstark wider. Insbesondere aber das Prozeßhafte der Veränderung bildet das zentrale Thema der Performances; - ‚der Weg ist das Ziel', dem wir beiwohnen dürfen mit sämtlichen Möglichkeiten der gedanklichen Entfaltung. Anders als bei den gerade jetzt in der zeitgenössischen Kunst favorisierten multimedialen Video- und Filminstallationen ist der künstlerische Verlauf dieser Performances ein einmaliges, nicht wiederholbares Ereignis. Die statische Situation des Bildes gleichsam verlassend, lässt Ingo Wegerl uns an der Genese seines Werkes teilhaben. Es ist eine unvorsehbare Entwicklung, auf die sich Künstler und Betrachter hier einlassen, eine Entwicklung, die in ihrem Verlauf und in ihrer individuellen Aussage nicht kalkulierbar ist. Der Punkt des Innehaltens, die Auflösung des einen Bildes in das andere aber bleibt allein dem Künstler überlassen, so dass die Suche nach dem Verborgenen für uns letztendlich bestehen bleibt.
Acryl, Tempera, Blattgold und Papier auf Leinwand
Injektdruck auf Transparentfolie
130 cm x 120 cm x 10 cm
In den Bildobjekten (130 x 120 cm) des "Anatomie-Zyklus" von Ingo Wegerl sind einzelne Anatomievorzeichnungen auf Folie gedruckt großflächig zusammengestellt. Sie überspannen Bildträger, die zuvor Teil einer Kunstinstallation waren. In einer Wasserfläche eingelassen haben sich auf der Leinwand die Spuren der Vergänglichkeit, der Zersetzung abgezeichnet. Mit den Keilrahmen sichtbar, rückseitig genutzt und künstlerisch aufbereitet sind anatomische Collagen sowie malerische Elemente neu eingearbeitet. Aus der Kombination des scheinbar willkürlich Morbiden mit den akkurat skizzierten medizinischen Zitaten der Folie ergibt sich eine ausdrucksstarke Symbiose von Leben und Vergänglichkeit.
Zu Sobotta Atlas der Anatomie des Menschen Band 1 und 2
Herausgegeben von Prof. Dr. Helmut Ferner, Wien und
Prof. Dr. Jochen Staubesand, Freiburg
18. Auflage 1982 Erschienen bei
Urban & Schwarzenberg, München-Wien - Baltimore
Bleistift, zum Teil Wasserfarbe auf
Pergamentpapier auf Karton 40 cm x 50 cm
Ingo Wegerl war bereits an etlichen medizinischen Publikationen beteiligt, als er Ende der 1970er Jahre von Prof. Dr. Jochen
Staubesand der Universität Freiburg den Auftrag erhielt, anatomische Zeichnungen für den Sobotta Atlas der Anatomie des Menschen
(Band 1 und 2) zu erstellen. Aufgrund der erfolgreichen Zusammenarbeit vergab der Verlag Urban & Schwarzenberg weitere Aufträge an
Wegerl, der in den Folgejahren zahlreiche aufwendig gestaltete Illustrationen fertigte wie beispielsweise für Carmine D. Clemente
Ph. D., University of California at Los Angeles School of Medicine, Anatomy A Regional Atlas of the Human Body, Baltimore 1982,
sowie für Prof. Dr. Helmut Ferner, Pernkopf - Atlas der topographischen und angewandten Anatomie des Menschen, Wien 1982.
Eine Auswahl der etwa 150 originalen Bleistiftvorzeichnungen für den Sobotta Atlas der Anatomie des Menschen von 1979 bis 1982 hat Ingo Wegerl bildhaft zusammengestellt. Passepartouriert und gerahmt konzentrieren diese Unikate die Struktur menschlicher Anatomie und geben Zeugnis ihrer kunstvollen Beschaffenheit.